Tonnenkönig in Ahrenshoop gekürt

Von ANETTE PRÖBER

Ein uralter Brauch lockte am Sonntag über 2000 Urlauber und Einheimische auf die Festwiese von Ahrenshoop. Der Tonnenbund feierte sein 90. Jubiläum mit dem traditionellen Tonnenabschlagen. Dabei schlagen Reiter mit Holzknüppeln so lange auf eine Heringstonne ein, bis von ihr nichts mehr übrig bleibt. "Das verlangt viel Geschick und das Glück muss auch mitspielen", verrät Markus Reiche (38), Vorsitzender des Tonnenbundes. Zweimal wurde er bereits als König geehrt. Gut zu erkennen an den großen Orden an seiner Brust. "Na, klappert es bei Dir schon? - Das ist eine beliebte Frage unter den hundert Mitgliedern des Tonnenbundes", sagt Reiche und natürlich sei dabei das Aufeinanderschlagen der vielen Medaillen gemeint.
Doch zunächst gibt es gegen Mittag den Festumzug durch den Ort. Der Tonnenkönig vom Jahr 2009 wird in Ehren von Zuhause abgeholt. 28 Reiter, darunter drei Reiterinnen, und mehrere Umzugswagen, mit der Ribnitzer Blaskapelle und den älteren Tonnenbund-Mitgliedern, ziehen durch den Ort und werden von Einheimischen und Urlaubern herzlich gefeiert. Station gemacht wird, um die Heringstonne aufzunehmen, die später an Seilen zwischen den Masten befestigt wird. Bei dieser Zeremonie ertönt ein dreifacher kräftiger Ruf: "Gut Schlag!" Mit diesem Vereinsruf wird auch Olaf Fretwurst, Tonnenkönig 2009, begrüßt, der sich in den Zug durch das Seebad einreiht.
"Diese Tradition gehört unbedingt zur Geschichte von Ahrenshoop mit seinen 800 Einwohnern. Wir sind nicht nur Seebad und Künstlerort, unsere Wurzeln haben einst Fischer und Bauern geprägt. Für Urlauber gibt es also auf dem kleinen Landstrich zwischen Ostsee und Bodden viel zu entdecken", sagt der langjährige Kurdirektor Hartmut Schmidt. Er freut sich, dass die Festwiese so gut besucht ist und die 2100 Gästebetten in der Hochsaison wieder restlos ausgebucht sind.
Pünktlich um 15 Uhr trifft der Tross der Reiter zum Höhepunkt - dem Tonnenabschlagen - auf dem Festplatz ein. Die Teilnehmer sind zwischen 21 und 57 Jahre alt und stammen alle aus den drei Ortsteilen von Ahrenshoop, also aus Althagen, Niehagen und Ahrenshoop. Die 23-jährige Claudia Glindemann ist ein wenig aufgeregt. "Natürlich bin ich ehrgeizig und kämpfe um den Titel. Es war schon ein tolles Gefühl, als ich 2008 als erste Frau Tonnenkönigin wurde." Die junge Frau ist im Reitverein aktiv und schwört auf ihr gutes Pferd. "Stäbenkönigin", so meint sie, wäre aber ebenso ein schöner Erfolg.
Stäbenkönig wird derjenige, der die letzte Stäbe, sozusagen das letzte Stück Bauch der Tonne abschlägt. Wer wiederum das allerletzte Stück der Tonne erwischt, die dann nur noch aus dem verstärkten Deckel besteht, darf sich Tonnenkönig nennen und ist ein Jahr lang die "echte Majestät."
Für Kinder steht an diesem Sonntag ebenfalls ein Tonnenabschlagen auf dem Programm, sie müssen allerdings im Laufen die Tonne zertrümmern. Als Gewinn winkt ein Ritt mit dem Tonnenkönig. Drei Stunden dauert es in der Regel, bevor von der Heringstonne nichts mehr hängt.
Den genauen Ursprung des Brauches kann heute niemand mehr ausmachen. Es geht u. a. die Mär, dass so der Abzug der Schweden aus der Küstenregion gefeiert wurde. Denn an diese hatten die Fischer als Frondienst große Mengen an Heringen abgeben müssen. Aber auch in anderen Regionen gibt es ähnliche Reiterspiele. Aus dem Jahre 1883 stammt eine grafische Darstellung des Tonnenabschlagens auf Grönland, wo es die Kinder auf Skiern bestritten. Das "Kufenstechen" im österreichischen Gailtal wie auch das "Ringreiten" in Schleswig-Holstein sind verwandte Reiterspiele.
Dann ist es endlich soweit. Die glücklichen Gewinner des sportlichen Wettkampfs an diesem Sonntag in Ahrenshoop stehen fest: Jan Schmidt (32) erhält den Titel "Stäbenkönig" und der 43-jährige Dirk Krull, bereits seit 1984 im Tonnenbund, kann zum zweiten Mal ein Jahr lang den Titel "Tonnenkönig" tragen.