Mit Vorliebe für Krimis, Jägerlatein
und das Ostsee-Hinterland

Von ANETTE PRÖBER

Der Briefkasten steht an der Bundesstraße 109, irgendwo zwischen Hanshagen und Diedrichshagen. Das Haus ist dann gut einen Kilometer weiter und mitten im Wald gelegen, ein alter Backsteinbau zwischen hohen Kiefern. "Angst? Nein, die kenn ich nicht", sagt Uta-Maria Kuder, Justizministerin von Mecklenburg-Vorpommern. Obwohl sie gute Krimis liebe und spannende Bücher gern mal am Abend "verschlinge". Beim Erzählen streichelt sie "Toni", die bayerische Gebirgsschweißhündin, an Hals und Bauch. Diese hat artig neben ihr auf der Couch Platz genommen. Um den Tisch streift derweil "Emma", eine Brandlbracke. Beides sind ausgebildete Jagdhunde, die Ehemann Alexander Kuder begleiten, wenn er seiner Jagdleidenschaft nachgeht.
An den Wänden hängen unzählige Tiertrophäen und Bilder mit Jagdszenen. "Alle Geweihe besitzen ihre Geschichte. Natürlich behauptet mein Mann, das sich alles so und nicht anders zugetragen hat. Aber ein bisschen Jägerlatein ist wohl immer dabei", erzählt sie schmunzelnd. Das Putzen der Trophäen überlasse sie im übrigen auch gern ihrem Mann. Sie sei ja kaum zu Hause. Seit 2006, als sie das Ministeramt übernahm, lebt sie die Woche über in Schwerin.
Tochter Judith ist aus dem Haus, wohnt mit eigener Familie in Berlin. Doch wenn es die Zeit erlaubt, treffen sich alle in dem versteckten Haus im Wald. Für die 6 und 14 Jahre alten Enkelkinder ist das ein Abenteuerspielplatz, wo die Jungen die Natur beobachten können oder auch das Holzhacken vom Opa lernen.
Ein würziger Duft zieht durch das Haus. Das Lieblingsgericht der Familie Kuder kommt auf den Tisch. Gebratene Medaillons vom Reh, dazu ein frischer Salat und Weißbrot. "Bei uns gibt es am Wochenende fast immer Wild. Nach den vielen Veranstaltungs-Schnittchen in der Woche freue ich mich auf etwas Herzhaftes", erzählt lachend Uta-Maria Kuder. Das Kochen zähle zu ihren Leidenschaften, gesteht die zierliche, kleine Frau, die Freunde gern zum Essen einlädt. In ihrer Freizeit trägt die 53-Jährige Jeans und sportlich-legere Kleidung. Die eleganten Kostüme hat sie in den Schrank verbannt.
"Für uns ist Vorpommern zur Heimat geworden. Hier fühlen wir uns wohl und haben schnell neue Freunde gefunden", sagt Uta-Maria Kuder. Ihre Entscheidung, 1994 die Großstadt Düsseldorf nach erfolgreichem zweiten Staatsexamen zu verlassen und als Juristin nach Greifswald ins städtische Rechtsamt zu gehen, habe sie nie bereut.
"Ich werde nicht vergessen, wie wir zum ersten Mal nach langer Autofahrt in der Hansestadt ankamen und nicht wussten, wie wir in unser Hotel finden sollten. Die ersten Einheimischen, die wir ansprachen, halfen. Sie fuhren einfach mit ihrem Pkw voraus und leiteten uns durch die Einbahnstraßen. Das hat uns beeindruckt." Überhaupt sei sie in der Stadtverwaltung sehr herzlich aufgenommen worden, erzählt Uta-Maria Kuder. Vorurteile seien ihr nicht begegnet. "Alle erwarteten geradezu, dass eine Juristin aus dem Westen in allen Dingen Bescheid weiß. Das hat mich gefordert und angespornt", blickt Kuder zurück. Dabei habe es in den neuen Bundesländern damals einen ganzen Berg von Übergangsgesetzen und Ausnahmebestimmungen gegeben. "Es war eine spannende Zeit. Wenn ich heute durch Greifswald gehe, freue ich mich über die vielen renovierten und neuen Gebäude, für die wir einst Investoren suchten", sagt sie.
Von der Leiterin des Rechtsamtes wurde sie zur Leiterin des Amts für Wirtschaft und Finanzen und später Zweite Stellvertreterin des Oberbürgermeisters und Senatorin für Jugend, Kultus und Soziales, 2006 dann Erste Stellvertreterin. "Für mich war es eine interessante Erfahrung, wie sich der Blick ändern kann, wenn man andere Verantwortungsbereiche vertritt", sagt Kuder. In einer Kommune dürfe wirklich nichts zu kurz kommen. Die Stadt Greifswald habe über die Jahre vieles richtig gemacht, befindet sie mit Abstand. Schuldenberge wie in anderen Kommunen gebe es nicht. Dafür viele Vorzeigeobjekte wie beispielsweise die Universität. Im Übrigen stimme es wohl nicht, dass Juristen nicht rechnen können, meint sie scherzhaft.
"Uta-Maria Kuder handelt stets bedacht und überlegt, sie weiß, Chancen beim Schopfe zu packen", sagen Parteifreunde. Vermutlich war es genau diese kluge, berechenbare Art, die sie für den Job der Justizministerin favorisierte. Und die ehrgeizige Frau sagte nicht Nein, als sie von CDU-Chef Jürgen Seidel gefragt wurde, ob sie zur Verfügung stünde. Das war am 1. November 2006. Seitdem steht sie an der Spitze eines Ministeriums, das sich deutschlandweit sowohl bei der psychosozialen Betreuung der Opfer als auch bei der Resozialisierung von Straftätern einen guten Namen gemacht hat. Dazu gehört die Berufsausbildung in den Jugendhaftanstalten, die Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche nach Verbüßung der Straftat, die Betreuung ehemaliger Häftlinge in Wohngemeinschaften. "Ich gebe keinen Menschen auf", sagt Uta-Maria Kuder ernst. "Es läuft nicht immer alles glatt im Leben."
Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie wichtig es ist, mit seinen Problemen nicht allein dazustehen. Mit 17 Jahren hatte sie einst die Schule abgebrochen, war vom Gymnasium gegangen. Ohne genau zu wissen, was dann kommen sollte, so ohne Abschluss ... Erst als sie mit 20 Jahren ihr Kind bekam, übernahm sie Verantwortung und setzte sich noch einmal auf die Schulbank. Dreieinhalb Jahre Abendgymnasium mit Kleinkind - das war schwer, sagt sie heute und nur mit Hilfe der Eltern zu meistern. Doch sie habe viel dabei für das Leben gelernt.
Als Ministerin macht sie ihren Job ohne viel Aufhebens. "Wenn die Justizministerin nicht in den Medien ist, heißt das doch: Der Laden läuft", sagt Kuder. Unaufgeregt aber konsequent setzt sie ihre Vorstellungen eines gerechten Gemeinwesens um. Nichts anderes als einen guten Job möchte sie künftig auch als Landrätin machen. Dazu auf Menschen zugehen, mit ihnen reden und gemeinsam Nützliches umsetzen. "Mich reizt es, mich in der Kommunalpolitik zu engagieren", sagt Uta-Maria Kuder. "Ostvorpommern hat nicht das beste Image in Deutschland. Dabei gibt es viel Vorzeigbares, wir müssen das stärker nach Außen tragen. Wir müssen uns als ein attraktiver Standort präsentieren." Dabei denkt sie beispielsweise an Unternehmenslotsen, an Ansprechpartner, die helfen, die Bürokratie bei Unternehmensgründungen zu bewältigen. Oder an Netzwerke, um den Gesundheitstourismus stärker auszubauen. "Ostvorpommern ist nicht nur die schönste Badewanne Berlins. Hier gibt es auch ein schönes Hinterland und viele kreative Köpfe."
Ihr Mann klopft an die Tür, braucht Hilfe beim Bau eines Hochsitzes. Uta Maria Kuder streift sich die Gummistiefel über, greift zur Wetterjacke und schon steht sie bereit, die Holzleisten zu reichen. "Körperliche Arbeit tut gut. Bei Gartenarbeit lässt sich sogar besonders gut nachdenken", sagt sie. Im Hintergrund sei dann nur das angenehme Rauschen der Kiefern. Und ab und an schaue mal ein Reh vorbei.