Wanderer zwischen den Welten

Was selbst für große Kunst-Museen Deutschlands ein außergewöhnliches Zusammentreffen herausragender Persönlichkeiten ist, gelang der Kunsthalle Rostock. Die Schau "Credo" vereint ab heute vier der wichtigsten zeitgenössischen Künstler: Georg Baselitz (geb. 1938), Gotthard Graubner (geb. 1930), Gerhard Richter (geb. 1932), Günther Uecker (geb. 1930). "Das ist ein großer Coup. Klangvollere Namen und wertvollere Werke der Gegenwart kann man kaum zeigen", freut sich Kunsthallen-Chef Jörg-Uwe Neumann. Gerhard Richter, der in Rostock mit sechs Werken vertreten ist, wird auf dem internationalem Kunstmarkt als teuerster Maler der Gegenwart gehandelt. Das Werk "Kerze mit Schädel", das in der Schau "Credo" hängt, wird auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt. Ein ähnliches Kerzenbild erzielte bei Christie‘s in London den Rekordpreis von 12 Millionen Euro. Das Kerzen-Gemälde fand bei dem Vernissage-Publikum am Samstagabend große Beachtung. Die Strahlkraft des Kerzenscheins ließ viele Besucher innehalten. "Der Schein ist mein Lebensthema", heißt es im Zitat von Richter an einer Ausstellungswand.

Die deutschen Granden widmen sich in Rostock dem Thema "Credo", was Glauben heißt und in seiner ursprünglichen religiösen Bedeutung Vertrauen bedeutet. Vertrauen zu Gott, aber auch Vertrauen zwischen den Menschen. Die Künstler gestalteten jeder einen etwa 120 Quadratmeter großen eigenen Ausstellungsraum. "Die kreativen Interpretationen von Credo sind keine reinen religiösen Bekenntnisse. Gute Kunst erklärt sich nicht, will nicht aufklären, sie ist vor allem Poesie", sagt Kurator und Organisator Ulrich Ptak. So überrascht die Schau manchen der besonders zahlreich erschienenen ersten Ausstellungsgäste. In Rostock werden Baselitz-Gemälde gezeigt, die einmal nicht "auf dem Kopf" stehen. Baselitz hat in den letzten Jahren mit seiner eigenwilligen Malweise gebrochen und Remix-Arbeiten geschaffen. Er hielt in der linken Hand ein Foto seines Werkes und hat es mit der rechten Hand großzügig wieder auf Leinwand gebracht. Auch wenn die vier Werke in Rostock unschuldige Namen wie "Poet" tragen, erinnerten die übermenschlich großen Porträts an Adolf Hitler.

Von Graubner sind drei gewaltige Farbkissen zu bewundern, die Wolkengebilde ähneln. Die prachtvollen Farben zogen durch ihre energetische Ausstrahlung die Besucher in ihren Bann. Günther Uecker, der seine Kindheit auf der Halbinsel Wustrow bei Rerik verbrachte, hat der Rostocker Schau ein überdimensioniertes Werk von sechs Metern Breite überlassen, das sich mit seiner Weltenreise zwischen Ost und West auseinandersetzt. Die riesige Leinwand voller roter Farbe ist mit Holzpflöcken gespickt und assoziiert tiefe Verletzungen. Ein Film, der in der Ausstellung läuft, lässt den Betrachter an der Entstehung des Bildes am Strand von Wustrow teilhaben. Uecker war nach vielen Jahrzehnten in seine Heimat zurückgekehrt. Als Kind hatte er auf Wustrow die Angst vor dem Einmarsch der Russen erlebt und wie seine Mutter die Tür von innen vernagelte. Zu seinen Kriegserfahrungen gehörte auch das Verscharren von angespülten Toten am Strand. Nach langer Reise sei er nun heimgekehrt, "als Sohn zu seinem Vater in die Heimat", sagt er im Film.

Nicht nur Uecker, alle vier Künstler sind Wanderer zwischen Ost und West, zwischen den Glaubenswelten. Sie besitzen eine gebrochene Ost-Biografie, sind als junge Künstler aus der Enge der DDR ausgebrochen und haben sich in ihrem langen Schaffen immer wieder mit Themen von Freiheit und Verantwortung auseinandergesetzt. Religiöse Themen sind allen nicht fremd. Beispielsweise greift Baselitz seit den 80er Jahren Motive aus der Anfangszeit des Christentums auf. Uecker gestaltete einen Andachtsraum im Reichstagsgebäude und Gerhard Richter die Glasfenster im Kölner Dom, was zu heftigen Kontroversen führte. Eine der beeindruckensten Arbeiten Graubners ist der Assisi-Zyklus, dem Ordensgründer Franz von Assisi gewidmet, der von der Katholischen Kirche heiliggesprochen wurde .

Neben den Künstlerpersönlichkeiten der Gegenwart präsentiert die Kunsthalle einen bedeutenden Maler der klassischen Moderne: Georges Rouaults (1871 - 1958). "Zu CREDO gehört Rouault. Seit ich mich mit Kunst beschäftige, hat mich sein Werk stark berührt. Seine ikonenhafte Bildsprache ist beeindruckend", sagt Kurator Ptak. Gezeigt wird das grafische Hauptwerk, der Miserere-Zyklus mit 58 Blättern, sowie 17 Farbradierungen aus dem Passions-Zyklus.
Die Ausstellung in der Kunsthalle gehört zu einem übergreifendem Rostocker "Credo-Projekt", das am Reformationstag startete. Es wurde durch die St. Johannis-Kantorei Rostock und das Institut für Text und Kultur der Theologischen Fakultät der Universität Rostock angeregt. Zu dem umfassenden kulturellen Programm gehören Aufführungen von Credo-Vertonungen, Konzerte und Vorträge.

Anette Pröber