Ahrenshoop baut sich ein Kunstmuseum

Ein Ostseeort mit 720 Einwohnern sucht Unterstützer und Förderer, um das kulturelle Erbe zu sichern.

Von ANETTE PRÖBER

Ahrenshoop. Am Hohen Ufer in Ahrenshoop prägen Bauzaun und Kran die Landschaft. Das Bild ist nicht ungewohnt in dem kleinen Ort auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, das von Urlaubern lebt und in den letzten Jahren viele neue Quartiere entstehen sah. Doch direkt an der Durchfahrtsstraße in bester Lage wächst etwas Besonderes. Ein Haus, das sich sonst nur Städte wie Berlin oder Hamburg neu bauen - ein Kunstmuseum.
Die Eröffnung ist für den Sommer 2013 geplant. "Irgendwann gegen 18 Uhr", scherzt Guenter Roese. Auf einen genauen Termin will sich der Vorsitzende des Vereins der Freunde und Förderer des Kunstmuseums Ahrenshoop nicht festlegen. Der Berliner Kunstfreund und Verleger, der viel dazu beitrug, den Künstlerort nach der Wende aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken, ist Ideengeber und Motor des gewaltigen Projekts. Er meint: "Wer hier ein Museum plant, kann nicht auf eine Finanzierung hoffen, die schon mit dem Start vollkommen steht. Wir suchen weiter Stifter und Sponsoren, hoffen auf bürgerschaftliches Engagement und auf Fördermittel vom Land."
Es ist ein gigantisches Vorhaben für den kleinen Ort mit 720 Einwohnern, sich ein Museum zu bauen. Noch dazu eines, das sich sehen lassen kann, selbst ein Kunstwerk ist. Entworfen von Berliner Staab-Architekten - ein Gebäude wie ein kleines Dorfensemble. Es soll als Ausstellungs- Begegnungs- und Forschungszentrum die Geschichte der Künstlerkolonie vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart erzählen.
"Eigentlich hätte Ahrenshoop als eine anerkannte europäische Künstlerkolonie längst ein Museum besitzen müssen", meint Bürgermeister Hans Götze. Doch wie hätte das finanziert werden sollen, zuckt er mit den Achseln. Zum Glück hätte sich nach der Wende ein engagierter Freundeskreis gefunden, der das kulturelle Erbe bewahren und fortentwickeln half und der viele Förderer aus ganz Deutschland und Europa begeistern konnte. "Ohne Guenter Roese, den Verein und die Stifter hätte das Ostseebad das Projekt nie stemmen können", sagt er anerkennend.
Rund 5,4 Millionen Euro kostet allein der Museumsbau. Doch schon im Vorfeld haben die rund 300 Freunde und Förderer 1,7 Millionen Euro als Eigenmittel zur Verfügung gestellt, um die Bauplanung und -vorbereitung zu realisieren. Und sie haben eine Stiftungssammlung initiiert, die heute rund 500 Werke umfasst. Dazu gehören die wertvollen Arbeiten von Paul Müller-Kaempff und Elisabeth von Eicken, die sich als Erste 1892 und 1894 in Ahrenshoop niederließen. Viele Künstler folgten ihnen und entdeckten den schmalen Landstrich zwischen Ostsee und Bodden. Manche nutzten ihn für immer wiederkehrende kreative Sommeraufenthalte. Zu den großen Namen gehören auch Lyonel Feininger, George Grosz, Edmund Kesting oder Max Pechstein.
Einige der Arbeiten können bereits bewundert werden. Das Grand Hotel Kurhaus in Ahrenshoop fungiert seit Jahresbeginn als Anlaufstelle für das künftige Kunstmuseum. Mit Infotafeln, Museumsmodell und Kunstwerken, die in dem großzügigen Foyer des Hauses Aufmerksamkeit erregen. "Nachdem unsere Infobox am Hohen Ufer dem Baugeschehen zum Opfer fiel, haben wir nach Lösungen gesucht, unser Museum weiter präsentieren zu können. Zum Glück fanden sich viele Mitstreiter. Ich bin froh über die unkonventionelle Möglichkeit, hier im Hotel für unser Projekt zu werben", sagt Guenter Roese vom Freundeskreis.
So erblickt beispielsweise ein Meisterwerk von Paul Müller-Kaempff endlich das Licht der Öffentlichkeit. Das Ölgemälde "Abendstimmung am Darß", entstanden um das Jahr 1898, war seit der Großen Berliner Kunstausstellung im Jahr 1900 in Privatbesitz. Die stimmungsvolle Küstenlandschaft mit Windflüchtern und einem fernen Wolkenband über dem Horizont wird auf einen fünfstelligen Betrag geschätzt und konnte erst kürzlich mit Hilfe eines Berliner Mäzens für die Sammlung des Kunstmuseums Ahrenshoop erworben werden. Nun hängt das wertvolle Gemälde im Kurhaus auf dem Schifferberg. Hotel-Direktor Oliver Schmidt freut es. Kunst sei ein hervorragendes Aushängeschild für ein Haus, das gehobenen Ansprüchen gerecht werden will. "Das Grand Hotel ist gern Gastgeber für das Museum. Auch weil wir als großes Haus unserer Verantwortung gegenüber dem Ort gerecht werden wollen."
Susann Götze als Galeristin des Grand Hotels freut sich über jeden interessierten Gast und hofft, dass sie so manchen Kunstfreund für die spannende Historie der Künstlerkolonie begeistern kann. Wer auch materiell helfen möchte, kann dies zum Beispiel mit dem Kauf eines Bronzereliefs vom Bildhauer Jo Jastram "Der Aufbruch der Kraniche" tun.
Aber nicht nur das Grand Hotel Ahrenshoop will nun weiter die Werbetrommel zu rühren. Viele Kulturinteressierte in Ahrenshoop und den Nachbargemeinden engagieren sich. Beispielsweise werden bis zur Eröffnung des Museums Info-Veranstaltungen und Vorträge in den Räumen der Ahrenshooper Hotels "Fischerwiege" und "Künstlerquartier Seezeichen" veranstaltet. Ausstellungen werden im "Neuen Kunsthaus" Ahrenshoop, in der "Darßer Arche" in Wieck und im "Fischlandhaus" Wustrow zu sehen sein. Filmabende werden organisiert im Ostseehotel "Haus Antje". Ein Traditionshaus wie das "Elisabeth von Eicken" zeigt eine große Leinwand der Künstlerin als Leihgabe aus dem Museum.
"Die Kunst ist aus unserem Ort nicht wegzudenken", erzählt Bürgermeister Hans Götze. Er ist übrigens selbst Maler und Grafiker und zog Mitte der 70er Jahre aus dem Sächsischen an die Küste. Auch ihn lockte die schöne, raue Landschaft, das besondere Licht und die Farbenpracht der Natur. Heute besitzt kaum ein anderer Ort in Deutschland so viele Ateliers, Kunstwerkstätten, Galerien und Ausstellungen pro Einwohner. Natürlich, so Götze, wecke das Interesse bei Touristen. Die Auslastung der gut 2400 Gästebetten in Ahrenshoop kann sich mit rund 40 Prozent selbst im Winter gut sehen lassen. Und wenn erstmal das Museum eröffnet ist ... die Augen des Bürgermeisters leuchten.