Russlandtag in Rostock:
Gewachsenes nicht aufs Spiel setzen

Am 1. Oktober fand in Rostock-Warnemünde ein Wirtschaftstreffen mit Russland statt, zu dem die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern, die drei Industrie- und Handelskammern des Landes und das Ostinstitut Wismar eingeladen hatten. Über 500 russische und deutsche Unternehmer kamen, um sich über die wirtschaftliche Zusammenarbeit auszutauschen. Darunter Geschäftsleute aus dem Partnergebiet Leningrad, den Regionen Kaliningrad, Kaluga, Tula, Karelien und Tatarstan. Zu den Gästen gehörten der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland Wladimir M. Grinin, der Gouverneur des Leningrader Gebiets Alexander J. Drosdenko sowie der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Dieser sogenannte Russlandtag hatte im Vorfeld bundesweit für Aufsehen gesorgt. Kritiker meinten, er unterlaufe die politischen Sanktionen der Bundesregierung, die aufgrund der Ukraine-Krise verhängt worden waren. Ministerpräsident Erwin Sellering hielt jedoch unbeirrt an dem Treffen fest. "Es ist wichtig, auch in schwierigen Zeiten miteinander im Gespräch zu bleiben", betonte er mehrfach unter Beifall in Warnemünde. Er verwies darauf, dass Russland der viertwichtigste Außenhandelspartner des Landes Mecklenburg-Vorpommern ist, nach Polen, Dänemark und den Niederlanden. Über 100 Unternehmen im Norden Deutschlands unterhalten gute Handelsbeziehungen nach Russland. Das Warenvolumen macht jährlich ca. 600 Millionen Euro aus. Für den Ministerpräsidenten wiegen die regionalen Interessen schwer. Die drei größten Werften des Landes gehören einem russischen Investor. "Es wäre sehr wünschenswert, wenn es bei dem aktuellen Bedarf an neuzubauenden Schiffen in Russland zu einer strategischen Partnerschaft käme", meinte Sellering.
Ex-Kanzler Schröder bedankte sich gleich zu Beginn bei Sellering, dass dieser "standhaft geblieben" und den Russlandtag nicht abgesagt habe. Dieser finde "genau zum richtigen Zeitpunkt statt" und diene dem Dialog. "Nur wer miteinander spricht und wer zuhört, der kann die Position des Anderen verstehen, auch wenn er sie vielleicht nicht teilt." Er sei stolz, ein "Russlandversteher" zu sein, meinte Schröder. Der Begriff werde oft verwandt, um Menschen zu diskreditieren, die differenzieren wollten. Dabei sei das Verstehen unbedingt notwendig, um rationale Politik gestalten zu können. Schröder forderte Vertrauen ein. Vertrauen habe es doch ermöglicht, "dass Deutschland heute wieder vereinigt ist, dass die russische Armee sich aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks zurückgezogen hat" und dass die osteuropäischen Staaten Mitglieder sowohl von EU als auch NATO werden konnten.
Gewachsene Kooperationen sollten nicht aufs Spiel gesetzt werden, befand IHK-Präsident Claus Ruhe Madsen. Der gebürtige Däne plädierte für Stabilität in den Wirtschaftsbeziehungen. Die Region habe etwas zu bieten und jeder Investor sei willkommen, ob aus Russland, der Ukraine oder aus Deutschland.