Locker und warm mit Weltuntergangshimmel

A. R. Penck im Dialog mit Sitte und Tübke
Rostocker Kunsthalle mit großer Sommerausstellung

Von ANETTE PRÖBER

Die große Werkschau des 1939 in Dresden geborenen Künstlers A.R. Penck in der Kunsthalle Rostock beginnt mit einer gewollten Provokation. Im Erdgeschoss hängen Willi Sitte, Jorgen Buch und Werner Tübke in einem Tryptychon vereint. Werke aus der umfangreichen Sammlung der Kunsthalle werden auf einer ganzen Etage thematisch in Beziehung gesetzt zu Penck, einer der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Zeit.
A.R. Penck, der eigentlich Ralf Winkler heißt und sich 1968 nach dem Dresdner Eiszeitforscher Albrecht Penck benennt, galt in den 60er und 70er Jahren als Gallisionsfigur einer alternativen Kunstszene der DDR. Er hatte kurze Zeit Unterricht bei Strawalde (Jürgen Böttcher) genommen, zu einem Kunststudium wurde er trotz zahlreicher Bewerbungen aber nie zugelassen. 1980 muss er das Land verlassen, nachdem ihm die offizielle Anerkennung versagt bleibt. Viele seiner Arbeiten waren zuvor hauptsächlich im Westen ausgestellt worden, wohin sie teils auch geschmuggelt wurden. 1972 hatte A.R. Penck erstmals unter einem Decknamen an der documenta in Kassel teilgenommen. Er selbst schlug sich in der DDR als Heizer, Nachtwächter und Briefträger durch. Auch diese Ost-West-Geschichte wird in der Schau dokumentiert, es gibt u. a. Fotos, wie A.R. Penck im Wald heimlich seine Werke verpackt, um sie aus dem Land zu schmuggeln.
Schon in den 70er Jahren hatten Künstler wie A.R. Penck und Jörg Immerdorff die philosophische Frage zu beantworten gesucht: Wie malt man Deutschland?
Nun kommen nach dem Willen der Ausstellungsmacher Künstler unterschiedlicher Stile und Richtungen zu Wort. Solche, die sich zu DDR-Zeiten der Staatsnähe verweigerten und solche, die mitschwammen im Strom oder nach Nischen suchten. Es werden selbst Künstler gezeigt, die anderen Zeitepochen angehören. "Locker, warm mit Weltuntergangshimmel" - diesem Wortspiel eines Penck sind Arbeiten zugeordnet, die von der Landschaftsmalerei um 1900 bis zu Auseinandersetzungen mit Umwelt und Architektur der Gegenwart reichen. Der Betrachter ist gefordert, eigene Bezüge herzustellen. Der Berliner Szenograph Detlef Weitz sagt dazu: "Es ist nicht das klassische Best of der Sammlung. Ich wollte existenzielle Fragen aufgreifen und habe eigene Schwerpunkte gesetzt."
Im oberen Geschoss der Kunsthalle, die sich durch ihre großflächigen Ausstellungsmöglichkeiten einen guten Namen gemacht hat, erwartet den Besucher dann der ganze Bildkosmos eines A.R. Penck. Arbeiten voller Symbole und versteckter Metaphern, mit Strichmännchen und Bildzeichen, die an Höhlenmalereien, Graffiti und asiatische Kalligrafie erinnern. Gesellschaftliche Verhältnisse sind in eine signalhaft-kraftvolle Bildsprache gebracht und als soziale Erfahrungen interpretierbar. A.R. Penck schafft seine ganz eigene Welt des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft. In der Rostocker Schau wird versucht, das breite Spektrum seines Werkes leuchten zu lassen. Das älteste in der Ausstellung ist eine Landschaft aus dem Jahr 1956, das jüngste trägt den Titel "Ende" aus dem Jahr 2007. Doch es ist nichts chronologisch gehängt, die Arbeiten treten in Beziehung zueinander, werden durch Zeitdokumente, Bücher und Zitate ergänzt. Zu sehen sind auch Schallplatten-Cover, die von Penck gestaltet wurden, der selbst als Musiker einst für Furore sorgte.
"Mag manches Werk vielleicht naiv scheinen, dieser Künstler erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Es gibt viele magische Momente, Zeichen voller Symbolkraft und Poesie", sagt Ulrich Ptak, der Kurator der Ausstellung, der die Werke der Sammlung Böckmann in Kooperation mit dem Bremer Museum Weserburg präsentiert. Penck, der seit vielen Jahren in Irland zu Hause ist, und sich nur noch wenig in der Öffentlichkeit zeigt, hat alle Rostocker zur Eröffnung grüßen lassen und gemeint, "mein Spirit ist in der Ausstellung".

Kunsthalle Rostock "Im Dialog mit Penck" vom 6. Juni bis 29. August; Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr, Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 4 Euro